Nachgefragt: Interview «Dachbegrünung im urbanen Raum» (Teil 2)

Das Thema Dachbegrünung und Artenschutz in Innenstädten hat in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen und entwickelt sich zunehmend zu einem zentralen Bestandteil nachhaltiger Stadtplanung. Auch wir kommen als Architekturbüro immer wieder mit dem Thema in Berührung, zum Beispiel im Rahmen unserer Arbeit für den Stücki Park an der Hochbergstrasse. Grund genug einmal genauer nachzufragen: Gemäss unserem Credo «sharing experience» möchten wir mehr über die Hintergründe erfahren, warum Stadtbegrünung und Vogelschutz so wichtig sind und welche Rolle Basel in diesem Kontext spielt. Gesprochen haben wir mit zwei Expert:innen. Im zweiten Interview-Teil haben wir uns mit Dr. phil. Monika Schaub vom Fachbereich Baugesuche Bäume Pflanzenschutz ausgetauscht...

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  1. Basel gilt als Vorreiterin in Sachen Dachbegrünung. Wie kam es zu dieser Entwicklung – und was macht die Stadt anders als andere?
    Am 25. März 1976 wurde in Basel vom Grossen Rat eine Begrünungspflicht für Flachdächer der damals weit verbreiteten erdgeschossigen Gewerbebauten beschlossen. Die systematische Begrünung hat in Basel 1995 seinen Ursprung. Das damalige Naturschutzjahr inspirierte Forschungsarbeiten vom NLU (Institut für Natur und Landschaft) und Pro Natura. Eine Versuchsfläche wurde auf dem Dach des NLU installiert gemeinsam mit dem Hochbauamt: das erste Gründach von Basel war geboren! Erkenntnisse aus diesem Pilotprojekt wurden 1998 in das Förderprogramm das bessere Flachdach aufgenommen: Ziel die Dachbegrünung in den verschiedenen Gewerben zu verankern. Ende 1998 waren 135 Dächer begrünt, eine Fläche von 8 Fussballfeldern. Aus diesem ersten Erfolg etablierte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Forschung, Behörden und Gewerbe, bis heute! 1999 wurde die Flachdachbegrünung wie folgt im Bau- und Planungsgesetz verankert (BPG § 72): «ungenutzte Flachdächer sind mit einer Vegetationsschicht zu überdecken» resp. zu begrünen. Gemäss Bewilligungspraxis gilt dies für Flachdächer bis und mit einer Neigung von 10°, entspricht einem Gefälle von 18%, und einer Fläche ab 10 m2. Im Rahmen der Baubewilligungsverfahren werden Auflagen bezüglich Substrats (Art des Substrats, Mächtigkeiten), Ansaat und Strukturierung (z.B. Anlegen von Kleinstrukturen wie Totholz) gemacht.
  2. Ganz konkret: welche Vorteile bringen begrünte Dächer für das Stadtklima, die Biodiversität und den Wasserhaushalt?
    Ursprünglicher Gedanke war, die am Boden seltenen und immer mehr schwindenden Ruderalstandorte* auf den Dächern zu ersetzen. Funktionierende Ruderalstandorte weisen eine hohe Biodiversität auf und sind dementsprechend ökologisch sehr wertvoll. Begrünte Dächer schaffen ein Mosaik an neuen Lebensräumen, die als Trittsteine der Biotopver-netzung dienen. Aufgrund der zunehmenden Klimaerwärmung haben sich die Ansprüche an Dachbegrünungen gewandelt resp. weiterentwickelt. Begrünungen sollen nebst der Biodiversitätsförderung zur Hitzeminderung durch Verdunstung und Regenwasserretention beitragen. Begrünte Flachdächer können bis zu 70% des Niederschlagswassers speichern. Im Gegensatz bei nicht-begrünten Dächern wird bis zu 95% der Niederschläge abgeführt. Somit: positive Wirkung auf Klima, Kühlung der Umgebung durch Verdunstung, Wasserretention, Erhöhung der Lebensqualität, Stadtgrün, Gebäudeoptimierung, Dämmung und Schutz Gebäudehülle.
  3. Was können Architekturbüros neben einer proaktiven Sensibilisierung in Sachen Artenschutz noch tun, um das Thema in den Vordergrund zu rücken?
    Die vorhandene Umgebung sollte in der Gesamtheit erfasst werden und die Begrünung von Anfang an in die Planung miteinbezogen werden, damit diese einen selbstverständlichen Platz respektive Integration im baulichen Objekt findet. Stadtgrün fördert nebst Artenschutz auch Wohlbefinden und Gesundheit des Menschen (Feinstaubbindung, Küh-lung…)
  4. Welche Arten von Dachbegrünung unterscheiden Sie – und wo liegen die Unterschiede (z. B. extensiv vs. intensiv)? Welche Pflanzenarten eignen sich besonders gut?
    Extensive Dachbegrünung: Substratstärke je nach Tragfähigkeit des Daches und gewünschter Nutzung (z.B. Kombination mit PV-Anlage). Intensive Dachbegrünung. Retentionsdach (Schwammstadt). Generell eignen sich als Ansaat standortheimische Pflan-zen. Bei einem extensiven Dach: Ruderalpflanzenarten, trockenheitsliebende Arten.
  5. Was würden Sie Eigentümer:innen und Architekt:innen mitgeben, die sich überlegen, ein Dach zu begrünen? Wo sollen sie anfangen? Was gilt es zu beachten? Was kann man tun?
    Gerne einfach eine unverbindliche Voranfrage an die Stadtgärtnerei stellen. Aber grundsätzlich müsste man die Statik vorab klären, und die Dachhaut muss intakt sein.
  6. Gibt es Förderprogramme? Lohnt sich die Begrünung auch wirtschaftlich – etwa durch Energieeinsparung oder Gebäudewertsteigerung?
    Für Dachbegrünungen ist eine Mitfinanzierung durch folgende Förderprogramme erdenklich: Mehrwertabgabefonds und Förderprogramm Stadtklimakonzept. Eine Begrünung lohnt sich auf jeden Fall. Neben den oben genannten Gründen bedeutet diese auch eine Gebäudeoptimierung, die sich in der Dämmung und dem Schutz der Gebäudehülle zeigt.
  7. Gibt es gesetzliche Vorgaben oder bürokratische Hürden, die den Bau von Gründächern in Basel erschweren – oder erleichtern?
    Grundsätzlich gilt gemäss Bau- und Planungsgesetz (BPG § 72), dass ungenutzte Flachdächer zu begrünen sind. Erschwerend kann der Konflikt des Nutzungsdrucks angeführt werden: PV-Anlagen sowie die Freiraumnutzung (Dachterrassen) beanspruchen ebenfalls Dachfläche, was eine Herausforderung in der Planung darstellen kann. Die oben genannten Förderprogramme erleichtern das ganze natürlich.
  8. Was wünschen Sie sich für die Zukunft – wie können Städte wie Basel das Potenzial von Dachbegrünungen noch besser nutzen?
    Stadtgrün sollte kein «Muss» sein, sondern eine «Selbstverständlichkeit»!


    *   Ruderalstandorte sind durch menschliche Eingriffe geprägte Flächen, die sich durch eine cha-rakteristische Pioniervegetation auszeichnen. Sie entstehen auf nährstoffreichen, oft offenen Böden und finden sich typischerweise an Orten wie Schuttplätzen, Wegrändern, Industriebrachen oder Baustellen.

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